Warum Individualisierung uns in Stämme treibt
Stämme sind tot, es leben die Stämme! Der bedeutende Philosoph Peter Sloterdijk erklärt in einem Essay, warum das so ist. Verantwortlich seien unsere Emanzipation von «organischen Gemeinschaften» und die Globalisierung. Sloterdijk kam am 22. Januar 2018 ans GDI.

Die Individualisierung bringt uns Freiheit. Wir können selber wählen, wo wir wohnen, mit wem wir Zeit verbringen und wie wir leben. Unser Ur-Stamm, die Familienverwandtschaft, rückt hingegen ins Abseits, zumal wir oft unerreichbar weit weg ziehen. Wir entfremden uns also von unserem Ursprung. Dies beschreibt kein geringerer als der deutsche Philosoph und Kulturtheoretiker Peter Sloterdijk, seit Jahren unter den bedeutendsten Vordenkern in der Netzwerkanalyse des GDI.

Was im Gegenzug an Bedeutung gewinne, seien die selbstgewählten Zugehörigkeiten – die Verwandtschaften nach Sympathie, so Sloterdijk in seinem Essay «Der weite Weg zur Weltgesellschaft» im deutschen «Handelsblatt» (Paywall). In den kleinen Gruppen der Wahlverwandtschaften könnten wir mitreden, mitgestalten, seien inkludiert als aktiver Teil von ihnen. Solche Sippen bildeten die tribale Konstante unserer Zeit.

Doch die Individualisierung und die damit einhergehende Entfremdung seien nicht der einzige Grund für die zunehmende Tribalisierung. Ein weiterer liege in der Globalisierung. Als Teil der Weltbevölkerung versuchten wir zwar alle kollektiv, globale Probleme zu lösen. Doch, diese Gruppe sei riesig und die Mitsprache des Individuums nicht vorhanden. Mehr noch: Die Weltbevölkerung definiere sich gerade dadurch, dass ihre Mitglieder als Einzelne exkludiert sind.

Was bedeutet das für unsere Identität? Wie können wir mit der Spannung umgehen zwischen kleinen, engen Gruppen und der riesigen, nicht fassbaren? Wo gehören wir dazu? – Solchen Fragen widmete sich Peter Sloterdijk am 22. Januar 2018 an der GDI-Konferenz «Die Rückkehr der Stämme».

Steven Kotler: Im Flow-Zustand zur Höchstleistung
Wer siegen will, muss über sich hinauswachsen. Dies erreichen wir, wenn wir hyperkonzentriert sind. Forscher Steven Kotler ist dabei, die neurologischen Prozesse hinter diesem Flow zu knacken. Im März 2018 sprach er am GDI.