Vier Szenarien für die Pflegebranche
Big Doctor oder Care-Society? Die GDI-Studie «Take Care» liefert vier Szenarien, die zeigen, in welche Richtungen sich die Pflegebranche entwickeln kann. Jedes Szenario beschreibt zudem eine Strategie, wie Care-Institutionen auf den demografischen und technologischen Strukturwandel reagieren können.

Dies ist ein Auszug aus der GDI-Studie «Take Care». Die vollständige Studie steht zum Gratis-Download bereit.

Neue Technologien verändern nicht zwangsläufig die Beziehung zwischen Pfleger und Gepflegtem. Was sich verändern wird, ist die Art und Weise, wie die Bedürfnisse beider Anspruchsgruppen befriedigt werden. Dementsprechend wird sich der Veränderungsdruck in der Care-Branche stärker auf das institutionelle Gefüge auswirken als auf die eigentliche Leistungserbringung. Besonders wichtig wird dabei die Verschiebung von angebots- zu nachfrageorientierten Systemen sein. Diese Konfliktlinie wird durch eine weitere ergänzt – die Konfliktlinie zwischen öffentlicher und privater Leistungserbringung. Staatliche und nichtstaatliche Anbieter befinden sich zum Teil in direktem Wettbewerb miteinander; es werden Leistungen sowohl über den Markt als auch abseits davon vermittelt.

Aus der Kombination dieser beiden Konfliktlinien entstehen vier Entwicklungsrichtungen. Sie schliessen sich nicht gegenseitig aus, sondern können parallel (in unterschiedlichen Segmenten des Pflegesystems) oder nacheinander (im selben Segment) durchlaufen werden. Jede davon beschreibt zudem eine Strategie, wie Care-Institutionen auf den demografischen und technologischen Strukturwandel reagieren können:  

Status Quo Plus
In diesem Szenario bleibt das etablierte Pflege-System im Grossen und Ganzen bestehen. Die Optimierung sowie die Anpassung an den gesellschaftlichen und technologischen Wandel obliegen in erster Linie den Institutionen, die bislang dafür zuständig waren. Die wichtigsten Akteure bei dieser Weiterentwicklung sind Politik, Sozialbürokratie und Care-Management. Aufgrund zunehmend schwieriger werdender Rahmenbedingungen, unter anderem bedingt durch den demografischen Wandel und die angespannte Lage auf dem Arbeitsmarkt, liegt das Haupt-Augenmerk der Entscheider in den Care-Institutionen auf der kontinuierlichen Erschliessung von Potenzialen zur Kostensenkung und/oder Produktivitätssteigerung. Dies geschieht unter anderem durch die Entwicklung und den Einsatz von Kennziffern zur Effizienzmessung sowie durch Best-Practice-Ansätze. Durch das Fortschreiten der Digitalisierung wird der Umgang mit Daten eine immer wichtigere Rolle bei der Effizienzorientierung spielen. Dabei stellen sich nicht nur technische, sondern auch Machtfragen. Beispielsweise wird es aus Effizienz-Gesichtspunkten sinnvoll sein, die Tarife von Krankenversicherungen an die Datenverfügbarkeit zu koppeln – bisherige Krankengeschichte, Kontrolle über zukünftiges Verhalten, DNA-Analyse, Realtime-Zugang zu körpereigenen Daten. Wer alle Daten teilt, wird durch niedrigere Prämien oder besondere Services belohnt – wer nichts von sich preisgeben will, wird überhaupt nicht mehr versichert. Wo die Grenzen des Datenhungers liegen, wird in diesem Szenario nicht so sehr individuell ausgehandelt, sondern durch Gesetz und Regulierung kollektiv festgelegt.   

Care-Society 
In diesem Szenario verlagert die Gesellschaft ihren Schwerpunkt von wirtschaftlicher Leistung auf soziale Zuwendung. Die Produktivitätspotenziale des technischen Fortschritts führen in eine Gesellschaft, in der materielle Leistungen von Maschinen und Algorithmen erbracht werden, immaterielle Leistungen hingegen von Menschen. Pflege und Zuwendung werden nicht weiter industrialisiert und auf Produktivitätssteigerung getrimmt, sondern humanisiert. Wenn die ewige Sorge um die Knappheit von Ressourcen an Bedeutung abnimmt oder gar ganz verschwindet, kann die Gesellschaft entökonomisiert werden: Ein Denkansatz, der bestmögliche Lösungen für den Umgang mit Knappheiten anstrebt, verliert ohne diese Knappheiten schlicht seine Existenzberechtigung. In einer solchen postmaterialistischen Welt wird auch Alten- oder Langzeitpflege nicht mehr isoliert als Optimierungsaufgabe betrachtet, sondern als eine von vielen Formen, in denen sich Menschen um Menschen kümmern. Hilfe, Pflege und Zuwendung sind Gemeinschaftsaufgaben und werden entsprechend auch gemeinschaftlich organisiert. Hierbei werden technische Lösungen für all jene Leistungen eingesetzt werden, die nicht direkt mit der Interaktion zwischen Menschen in Verbindung stehen. Digitale Care-Plattformen können Pflege-Bedürfnisse und -Angebote kommunizieren und koordinieren. Die wichtigste Rolle spielt dabei eine kleinräumige Koordination, da Zuwendung vorwiegend innerhalb bereits bestehender Gemeinschaften stattfindet.    

Care-Convenience 
In diesem Szenario wird das Pflege-System einmal komplett umgestülpt. Als zentrales Element etablieren sich die individuellen Bedürfnisse des Pflegebedürftigen, digitale Assistenten übernehmen wichtige Rollen in der Verknüpfung zwischen Angeboten und Nachfrage. Kommerzielle Plattformbetreiber können den Digitalisierungsprozess im Care-Sektor anschieben, werden aber nur im Rahmen einer umfassenden staatlichen Regulierung agieren können – schliesslich muss die Gesellschaft sicherstellen, dass sämtliche Pflege-Bedürfnisse befriedigt werden können, nicht nur diejenigen, die über den Markt profitabel abdeckbar sind. Der technische Fortschritt wird dabei nicht in erster Linie in die Interaktion zwischen Pfleger und Gepflegtem eingreifen, sondern vor allem weite Teile der Care-Kommunikation und -Koordination übernehmen. Algorithmen können einen Pflegebedarf erkennen und die dafür notwendigen Schritte in die Wege leiten, die Pflege selbst werden sie hingegen bis auf weiteres nicht leisten. Entsprechend wichtig wird für alle Beteiligten – sowohl für die Gepflegten wie auch für die Beschäftigten und die Institutionen des Care-Sektors –, mit neuen Formen der Kommunikation zwischen Mensch und Maschine umzugehen.

Big Doctor
In diesem Szenario wird durch die Digitalisierung ein seit jeher bedeutendes Element des Care-Systems massiv gestärkt: die Gesundheit. Digitale Diagnose-Systeme übernehmen eine zentrale Rolle, indem sie Bio-Daten und individuelles Verhalten überwachen, um jederzeit die bestmögliche Hilfestellung geben beziehungsweise beauftragen zu können. Ein entscheidendes Feature werden dabei Before-Demand-Lösungen darstellen: Aus den körpereigenen Daten lassen sich Signale für unmittelbar bevorstehende Komplikationen herauslesen, etwa für einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall oder bei Über/Unterzuckerung. Durch das rechtzeitig abgegebene Signal ist es den Betroffenen möglich, ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, damit es gar nicht erst zu dem Anfall kommt. Um solche (für die Betroffenen höchst erwünschtem) Prognosen abgeben zu können, müssen einem digitalen Diagnose-System eine Vielzahl von körpereigenen Daten möglichst in Echtzeit zur Verfügung stehen. In Anbetracht der hohen Sensitivität und Intimität dieser Daten wird sich hieraus keine (eher unverbindliche) Plattformökonomie entwickeln, sondern ein auf vertrauenswürdigen Spezialisten basierendes System. Bei diesen Spezialisten kann es sich um den Hausarzt, ein Spital oder einen anderen medizinischen Dienstleister handeln.



Eine ausführliche Beschreibung der vier Pflege-Szenarien findet sich in der GDI-Studie «Take Care». Hören Sie unseren Podcast über die Zukunft der Pflegebranche.

 

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