Oliver Nachtwey: «Auf dem Individuum lastet enormer Druck»
Abstiegsgesellschaft heisse nicht, dass alles schlechter werde und dass alle abstiegen, sagt Oliver Nachtwey, Professor für Sozialstrukturanalyse. «Aber der soziale Vektor für die Unterklassen zeigt jetzt in vielen Bereichen eher nach unten.» Am 25. Januar 2021 spricht er in einem GDI-Webinar.

Die Entkopplung des Aufstiegs macht Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaftler Nachtwey in einem Videovortrag anhand einer Grafik deutlich. Während die Produktivität wachse, sänken die Verdienste. Die unteren 25 Prozent in Deutschland erlebten massive Einkommensverluste, gerade im Dienstleistungsbereich. Innenstädte seien kaum noch finanzierbar für Normalbürger. «Sie werden somit aus dem öffentlichen Leben ausgegrenzt, es entstehen neue Klassenmilieus.»

«Abstiegsgesellschaft heisst nicht, dass alles in allen Dimensionen schlechter wird und dass alle absteigen. Aber wenn in der Moderne der soziale Vektor für die Unterklassen nach oben gezeigt hat, zeigt er jetzt in vielen Bereichen eher nach unten», so Nachtwey.

Auch Uni-Abgänger hätten es heutzutage schwerer. Habe der Anwalts- oder Architektenberuf noch vor wenigen Jahren als sicheres Standbein gegolten, hangelten sich diese Berufsgruppen heute oft unter prekären Bedingungen von Projekt zu Projekt. Viele der Berufe, die in der Elterngeneration eine Aufwärtsmobilität gezeigt hätten, böten heute eine spätere und unstetere soziale Sicherheit. Dennoch hätten Hochqualifizierte immer noch viel mehr Freiheitsgrade in der Gesellschaft, als alle anderen.

«Auf dem Individuum lastet enormer Druck», so der Autor des Buches «Die Abstiegsgesellschaft». Leute empfänden, dass sie permanent gegen die nach unten laufende Rolltreppe anlaufen müssten. Sie müssten sich ständig weiterqualifizieren, flexibel im Job sein, Überstunden akzeptieren. Während die gesellschaftliche Liberalisierung der letzten Jahre Gruppen wie beispielsweise Männer und Frauen eher gleich gestellt habe, bewirke die ökonomische Liberalisierung das Gegenteil: «Die Menschen werden ungleicher.» Dies biete den Boden für Unzufriedenheit mit dem System, so der Basler Forscher.

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