Mit einfachen Lösungen mehr erreichen
Sie schonen Ressourcen und kosten nicht viel: Produkte, die aus frugaler Innovation entstanden sind. Navi Radjou, Experte für Innovation und Referent am GDI-Trendtag, erklärt im Interview mit Migros Engagement das Innovationsprinzip.

Der nachfolgende Text basiert auf einem Auszug aus einem Beitrag auf Migros Engagement vom 10.02.2022.

Migros Engagement: Navi Radjou, clevere Ideen um mit wenig viel zu machen, entstehen meist aus der Not. Sind ärmere Länder deshalb besser bei frugaler Innovation?

Navi Radjou: Tendenziell ja. Die Leute dort haben oft keine andere Wahl und müssen sich etwas einfallen lassen. Aber auch in wohlhabenderen Ländern gibt es immer mehr Menschen, die mit wenig zurechtkommen müssen. 60 Prozent der US-Bevölkerung haben weniger als 500 Dollar auf der Seite, auf die sie im Notfall zurückgreifen können.  Zahlen der OECD aus der Zeit vor Corona zeigen, dass 22 Prozent der Bevölkerung Europas armutsgefährdet ist. Die Voraussetzungen für frugale Innovation sind also da.

Gleichzeitig sind die Ansprüche und gesetzliche Sicherheitsauflagen in Europa höher, und die kosten halt.

Das ist so – es gibt nach unten gewisse Grenzen. Dennoch finden sich in Europa zwei ganz unterschiedliche Zielgruppen für Produkte, die mittels frugaler Innovation entstehen: die Wohlhabenden und gut Gebildeten, denen Nachhaltigkeit, Umwelt und Klima wichtig sind, sowie die Ärmeren, die sich schlicht keine teuren Produkte leisten können oder wollen. Sie haben unmittelbarere Probleme als sich um die Zukunft des Planeten zu sorgen, weil ihnen schon lange vor Monatsende das Geld ausgeht.

Die Motivation wäre also da. Dennoch scheinen konkrete Beispiele noch nicht so zahlreich – woran liegt das?

Es gibt ein paar Hürden. Die grösste ist wohl die Geisteshaltung: Produkteentwickler sind darauf trainiert, sich etwas Neues einfallen zu lassen und dabei mehr zu bieten als beim Vorgängerprodukt. Und kreieren dann oft mit enormem Aufwand nur geringen Mehrwert – das Gegenteil von frugaler Innovation. Selbst wenn die Ingenieure und Entwickler Frugalität als interessante Herausforderung annehmen, kommt Druck aus der Verkaufs- und Marketingabteilung, die etwas brauchen, das sie als tolle Neuheit anpreisen können. Um diese Geisteshaltung auszumanövrieren, hat Renault für seine günstigen Einsteigerautos extra eine neue Verkaufsabteilung aufgebaut.

Welche weiteren Herausforderungen gibt es?

Am besten hält man sich an diese drei Prinzipien: 1. Es einfach halten. Was brauchen die Kunden wirklich? Wie nutzen sie das Produkt? Welche Aspekte braucht es zwingend, welche kann man sich genauso gut sparen? 2. Das Rad nicht neu erfinden. Kann man auf einem bereits existierenden Produkt oder einen bereits existierenden Ort aufbauen und durch Veränderungen etwas Neues mit Mehrwert generieren? 3. Horizontal denken. Lassen sich bisher getrennte Bereiche wie etwa Mobilität, Nahrungsmittel und Gesundheitswesen verbinden und als ein neues, bereichsübergreifendes Ökosystem nutzen? Und könnte man nicht das Silodenken in Firmen abschaffen und die gleiche Person für Innovation, Nachhaltigkeit und Marketing einsetzen?

Das gesamte Interview mit Navi Radjou können Sie hier weiterlesen.


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