IRL oder URL? Mit dem Metaverse verschwindet der Unterschied
Wie fliessend Off- und Onlinehandel bald ineinandergreifen könnten, zeigt sich in der Modebranche. Ihr erwachse durch Blockchain, NFTs und Metaverse ein enormes digitales Potential, findet der Insider Jeff Carvalho, Mitgründer des Streetwear-Blogs «Highsnobiety».

GDI: Was war Ihr bestes oder überraschendstes Online- oder Offline-Einkaufserlebnis in letzter Zeit?

Jeff Carvalho: «Token Gated Shopping» ist ziemlich interessant und hat überrascht. Dabei muss jemand einen bestimmten digitalen Vermögenswert, also ein NFT oder einen Token, als eine Art «Ausweis» oder «Zugangspunkt» in einer E-Wallet halten. Nur dann kann er überhaupt am Handel teilnehmen. Shopify und seine Entwicklungspartner entwickeln hier einige der intelligentesten Tools, um KundInnen bei der Nutzung von «Gated Opportunities» zu unterstützen. Ein klarer Gewinner ist hier Adam Bomb Squad und Bored Ape's mit ihrem Apecoin-Zugang.

Offline besuche ich gerne temporäre Geschäfte, die sich ausschliesslich auf einen Artikel oder eine Kategorie von Artikeln konzentrieren. Fast Food mit seinen begrenzten Menüs und Pop-ups für Veröffentlichungen von Bands bis hin zu Gucci sind hier die Gewinner.

Setzen Marken immer noch Trends, oder zwingen die Kundennachfrage und die daraus resultierenden immer intelligenteren Verkaufsanalysen die Marken dazu, das zu produzieren, was die KundInnen wollen?

Die Marken sind nicht gezwungen, das zu produzieren, was die KundInnen wollen. Aber sie werden von den VerbraucherInnen mehr und mehr unter Druck gesetzt, sich am politischen und kulturellen Geschehen zu beteiligen. Jeden Tag gibt es neue Untersuchungen, die zeigen, dass die VerbraucherInnen von Marken mehr noch als von Politikern erwarten, dass sie dazu beitragen, die Welt gerechter zu machen. Marken haben in den Augen der KonsumentInnen mehr Macht, durch ihre Botschaften und Tätigkeiten an der globalen Einzelhandelsfront Veränderungen in der Welt zu bewirken. 

Sie haben einmal gesagt: «In der Zukunft werden wir Mode in den Grössen S bis XL sowie das gleiche Kleidungsstück als NFT sehen.» Können Sie erklären, was Sie damit meinen?

Wenn es um Mode als digitale Wearables im Metaverse geht, gibt es einige, die eine 1:1-Darstellung ihrer selbst wollen, ähnlich wie in einem zweiten Leben. Andere aber wollen sich als etwas darstellen, das über ihre reale Form hinausgeht, etwas Abstrakteres, beispielsweise mit mehr als zwei Armen oder zwei Beinen. Im Metaverse können Menschen sein, wer sie wollen, in welcher Form auch immer, viele mit einem Gefühl von Pseudo-Anonymität.

Die Grenze zwischen IRL und URL wird immer fliessender, und die VerbraucherInnen können kaum noch unterscheiden, wie sie ihre Erfahrungen wahrnehmen.

Vor diesem Hintergrund sehen wir heute NFTs und Wearables als einen sekundären Marktplatz neben dem direkten Marktplatz einer Marke auf der ersten Ebene. Aber wenn ich ein Kleidungsstück für die Marke kaufe, warum brauche ich dann getrennte Storefronts für das, was ich in IRL vs. URL kaufe?

Ich bin davon überzeugt, dass mit dem zunehmenden Einfluss von Web3 auf die Mode und den Einzelhandel IRL-Kleidung und NFT-Wearables über denselben Kanal verkauft werden oder dass man beim Kauf des einen das andere erhält. (Kauft man ein physisches Hemd, erhält man das NFT-Wearable; kauft man das NFT-Wearable, erhält man ein physisches Hemd).

Das Erlebnis ist besser, wenn die Unterscheidung zwischen IRL und URL verschwindet.

Ist das Metaverse eine Chance für Luxusmarken, jüngere Generationen zu erreichen?

Das Metaverse bietet Luxusmarken die Möglichkeit, sich an neuen Plattformen und neuen Technologien zu beteiligen, die die Kultur, den Besitz und die Art und Weise, wie wir einkaufen, weiterhin beeinflussen werden. Bei jungen VerbraucherInnen, die keinen Unterschied zwischen einem Prominenten als reale Person oder als Avatar sehen, gilt das Gleiche für Luxusgüter. Aber sie müssen in irgendeiner Weise funktional sein. Ein NFT-Pullover von JW Anderson ist zwar grossartig, aber noch besser ist es, wenn er tatsächlich getragen werden kann oder eine Funktion hat, die über die eines zwei- oder dreidimensionalen Objekts hinausgeht.

Jeff Carvalho ist Referent an der 72. Internationalen Handelstagung, die vom 8. bis 9. September am Gottlieb Duttweiler Institut stattfindet. Jetzt anmelden!

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Wie verändert sich das Foodsystem? Wer sind die Game-Changer? In unserer Interviewreihe «Lebensmitteltrends unter dem Radar» suchen wir nach den nächsten grossen Innovationen. Im dritten Teil gibt Anastasia Krivoruchko, CEO des Fermentations-Start-ups Melt&Marble, Einblicke in die Welt der Präzisionsfermentation.